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WEIHNACHTSGESCHICHTEN . . .
Es hatte schon wieder
geklingelt. Das neunte Mal im Verlauf der letzten Stunde! Heute
hatten, so schien es, die Liebhaber von Klingelknöpfen Ausgang.
Mürrisch rollte ich mich Türwerts und öffnete.
Wer, glauben Sie,
stand draußen? Sankt Nikolaus persönlich! In seiner bekannten
historischen Ausrüstung. "Oh", sagte ich. "Der eilige Nikolaus!"
- "Der heilige, wenn ich bitten darf. Mit h!" Es klang ein wenig
pikiert. "Als Junge habe ich Sie immer den eiligen Nikolaus
genannt. Ich fand's plausibler." - "Sie waren das?" - "Erinnern
Sie sich denn noch daran?" - "Natürlich! Ein kleiner hübscher
Bengel waren Sie damals!"
"Klein bin ich immer
noch." - "Und nun wohnen Sie also hier." - "Ganz recht." Wir
lächelten resigniert und dachten an vergangene Zeiten.
"Bleiben Sie noch ein
bisschen!" bat ich. "Trinken Sie noch eine Tasse Kaffee mit
mir!" Er tat mir, offen gestanden, leid.
Was soll ich Ihnen
sagen? Er blieb. Er ließ sich herein. Erst putzte er sich am
Türvorleger die Stiefel sauber, dann stellte er den Sack neben
die Garderobe, hängte die Rute an einen der Haken, und
schließlich trank der mit mir in der Wohnstube Kaffee.
"Zigarre gefällig?" -
"Das schlag ich nicht ab." Ich holte die Kiste. Er bediente
sich. Ich gab ihm Feuer. Dann zog er sich mit Hilfe des linken
den rechten Stiefel aus und atmete erleichtert auf. "Es ist
wegen der Plattfußeinlage. Sie drückt niederträchtig." - "Sie
Ärmster! Bei Ihrem Beruf!" - "Es gibt weniger Arbeit als früher.
Das kommt meinen Füßen zupass. Die falschen Nikoläuse schießen
wie die Pilze aus dem Boden."
"Eines Tages werden
die Kinder glauben, dass es Sie, den echten, überhaupt nicht
mehr gibt." - "Auch wahr! Die Kerls schädigen meinen Beruf! Die
meisten von denen, die sich einen Pelz anziehen, einen Bart
umhängen und mich kopieren, haben nicht das mindeste Talent! Es
sind Stümper!" - "Weil wir gerade von Ihrem Beruf sprechen",
sagte ich, "hätte ich eine Frage an Sie, die mich schon seit
meiner Kindheit beschäftigt. Damals traute ich mich nicht. Heute
schon eher. Denn ich bin Journalist geworden." - "Macht nichts",
meinte er und goss sich Kaffee zu. "Was wollen Sie seit Ihrer
Kindheit von mir wissen?" - "Also", begann ich zögernd, "bei
Ihrem Beruf handelt es sich doch eigentlich um eine Art
ambulanten Saisongewerbes, nicht? Im Dezember haben Sie eine
Menge Arbeit. Es drängt sich alles auf ein paar Wochen zusammen.
Man könnte von einem Stoßgeschäft reden. Und nun ..." - "Hm?" -
"Und nun wüsste ich brennend gern, was Sie im übrigen Jahr tun!"
Der gute alte
Nikolaus sah mich einigermaßen verdutzt an. Er machte fast den
Eindruck, als habe ihm noch niemand die so nahe liegende Frage
gestellt. "Wenn Sie sich nicht darüber äußern wollen ..." -
"Doch, doch", brummte er. "Warum denn nicht?" Er trank einen
Schluck Kaffee und paffte einen Rauchring. "Der November ist
natürlich mit der Materialbeschaffung mehr als ausgefüllt. In
manchen Ländern gibt's plötzlich keine Schokolade. Niemand weiß
wieso. Oder die Äpfel werden von den Bauern zurückgehalten. Und
dann das Theater an den Zollgrenzen. Und die vielen
Transportpapiere. Wenn das so weitergeht, muss ich nächstens den
Oktober noch dazunehmen. Bis jetzt benutze ich den Oktober
eigentlich dazu, mir in stiller Zurückgezogenheit den Bart
wachsen zu lassen."
"Sie tragen den Bart
nur im Winter?" - "Selbstverständlich. Ich kann doch nicht das
ganze Jahr als Weihnachtsmann herumrennen. Dachten Sie, ich
behielte auch den Pelz an? Und schleppte 365 Tage den Sack und
die Rute durch die Gegend? Na also. - Im Januar mache ich dann
die Bilanz. Es ist schrecklich. Weihnachten wird von Jahrhundert
zu Jahrhundert teurer!" - "Versteht sich." - "Dann lese ich die
Dezemberpost. Vor allem die Kinderbriefe. Es hält kolossal auf,
ist aber nötig. Sonst verliert man den Kontakt mit der
Kundschaft." - "Klar." - "Anfang Februar lasse ich mir den Bart
abnehmen."
In diesem Moment
läutete es wieder an der Flurtür. "Entschuldigen Sie mich,
bitte?" Er nickte. Draußen vor der Tür stand ein Hausierer mit
schreiend bunten Ansichtskarten und erzählte mir eine sehr lange
und sehr traurige Geschichte, deren ersten Teil ich mir tapfer
und mit zusammengebissenen Ohren anhörte. Dann gab ich ihm das
Kleingeld, das ich lose bei mir trug, und wir wünschten einander
auch weiterhin alles Gute. Obwohl ich mich standhaft weigerte,
drängte er mir als Gegengeschenk ein halbes Dutzend der
schrecklichen Karten auf. Er sei, sagte er, schließlich kein
Bettler. Ich achtete seinen schönen Stolz und gab nach. Endlich
ging er.
Als ich ins
Wohnzimmer zurückkam, zog Nikolaus gerade ächzend den rechten
Stiefel an. "Ich muss weiter", meinte er, "es hilft nichts. Was
haben Sie denn da in der Hand?" - "Postkarten. Ein Hausierer
zwang sie mir auf." - "Geben Sie her. Ich weiß Abnehmer. Besten
Dank für Ihre Gastfreundschaft. Wenn ich nicht der
Weihnachtsmann wäre, könnte ich Sie beneiden."
Wir gingen in den
Flur, wo er seine Utensilien aufnahm. "Schade", sagte ich. "Sie
sind mir noch einen Teil Ihres Jahreslaufs schuldig." Er zuckte
die Achseln. "Viel ist im Grunde nicht zu erzählen. Im Februar
kümmere ich mich um den Kinderfasching. Später ziehe ich auf
Frühjahrsmärkten umher. Mit Luftballons und billigem
mechanischen Spielzeug. Im Sommer bin ich Bademeister und gebe
Schwimmunterricht. Manchmal verkaufe ich auch Eiswaffeln in den
Straßen. Ja, und dann kommt schon wieder der Herbst - und nun
muss ich wirklich gehen."
Wir schüttelten uns
die Hand. Ich sah ihm vom Fenster aus nach. Er stapfte mit
großen, hastigen Schritten durch den Schnee. An der Ecke
Ungerstraße wartete ein Mann auf ihn. Er sah wie der Hausierer
aus, wie der redselige mit den blöden Ansichtskarten. Sie bogen
gemeinsam um die Ecke. Oder hatte ich mich getäuscht? Eine
Viertelstunde danach klingelte es schon wieder. Diesmal erschien
der Laufbursche des Delikatessengeschäftes Zimmermann Söhne. Ein
angenehmer Besuch! Ich wollte bezahlen, fand aber die
Brieftasche nicht gleich. "Das hat ja Zeit, Herr Doktor", meinte
der Bote väterlich. "Ich möchte wetten, dass sie auf dem
Schreibtisch gelegen hat!" sagte ich. "Nun gut, ich begleiche
die Rechnung morgen. Aber warten Sie noch, ich bring' Ihnen eine
gute Zigarre!" Die Kiste mit den Zigarren fand ich auch nicht
gleich. Das heißt, später fand ich sie ebenso wenig. Die
Zigarren nicht. Die Brieftasche auch nicht. Das silberne
Zigarettenetui war auch nicht zu finden. Und die
Manschettenknöpfe mit den großen Mondsteinen und die Frackperlen
waren weder an ihrem Platz noch sonst wo. Jedenfalls nicht in
meiner Wohnung.
Ich konnte mir gar
nicht erklären, wohin das alles geraten sein mochte. Es wurde
trotzdem ein stiller hübscher Abend. Es klingelte niemand mehr.
Wirklich, ein gelungener Abend. Nur irgend etwas fehlte mir.
Aber was? Eine Zigarre? Natürlich! Glücklicherweise war das
goldene Feuerzeug auch nicht mehr da. Denn das muss ich, obwohl
ich ein ruhiger Mensch bin, bekennen: Feuer zu haben, aber
nichts zum Rauchen im Haus, das könnte mir den ganzen Abend
verderben!
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Der Weihnachtsmann ging durch den
Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer
lustig bellend vor ihm herlief, merkte das und schlich hinter
seinem Herrn mit eingezogener Rute her.
Er hatte nämlich nicht mehr die
rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe.
Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Esswaren, das
war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber,
aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es,
das taten sie aber nur selten.
Den ganzen Dezembermonat hatte der
Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues
erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in
die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch
die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch
nicht sein, denn er hatte so und so viel auszugeben und mehr
nicht.
So stapfte er denn auch durch den
verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzweg war. Dort wollte er
das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer
über die Verteilung der Gaben. Schon von weitem sah er, dass das
Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort.
Das Christkindchen hatte ein
langes weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze
Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und
Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich
die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die
Sauen gab es etwas: Kastanien, Eicheln und Rüben.
Der Weihnachtsmann nahm seinen
Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. "Na,
Alterchen, wie geht's?" fragte das Christkind. "Hast wohl
schlechte Laune?" Damit hakte es den Alten unter und ging mit
ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht
mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft.
"Ja", sagte der Weihnachtsmann,
"die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es
am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht. Das mit den
Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr.
Das essen sie auf, und dann ist das Fest vorbei. Man müsste
etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum
Spielen ist, aber wobei alt und jung singt und lacht und
fröhlich wird."
Das Christkindchen nickte und
machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: "Da hast du
recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran
auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht."
"Das ist es ja gerade", knurrte
der Weihnachtsmann, "ich bin zu alt und zu dumm dazu.
Ich habe schon richtiges Kopfweh
vom vielen Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges
ein. Wenn es so weitergeht, schläft allmählich die ganze Sache
ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen
dann weiter nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken."
Nachdenklich gingen beide durch
den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das
Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht.
Es war so still im Wald, kein
Zweig rührte sich, nur wenn die Eule sich auf einen Ast setzte,
fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen
die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holz auf einen
alten Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Das
sah wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne
leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen
standen darin, schwarz und weiß, dass es eine Pracht war.
Eine fünf Fuß hohe Tanne, die
allein im Vordergrund stand, sah besonders reizend aus. Sie war
regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen
Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und
glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein.
Das Christkindchen ließ den Arm
des Weihnachtsmannes los, stieß den Alten an, zeigte auf die
Tanne und sagte: "Ist das nicht wunderhübsch?"
"Ja", sagte der Alte, "aber was
hilft mir das ?"
"Gib ein paar Äpfel her", sagte
das Christkindchen, "ich habe einen Gedanken."
Der Weihnachtsmann machte ein
dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen,
dass das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel
hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps, aber den
mochte er dem Christkindchen nicht anbieten.
Er machte sein Tragband ab,
stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum
und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann fasste er in
die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem
Buchenstamm und reichte es dem Christkindchen.
"Sieh, wie schlau du bist", sagte
das Christkindchen. "Nun schneid mal etwas Bindfaden in zwei
Finger lange Stücke, und mach mir kleine Pflöckchen."
Dem Alten kam das alles etwas
ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm
sagte. Als er die Bindfaden Enden und die Pflöckchen fertig
hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen
hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast.
"So", sagte es dann, "nun müssen
auch an die anderen welche, und dabei kannst du helfen, aber
vorsichtig, dass kein Schnee abfällt!"
Der Alte half, obgleich er nicht
wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die
ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er
fünf Schritte zurück, lachte und sagte; "Kiek, wie niedlich das
aussieht! Aber was hat das alles für'n Zweck?"
"Braucht denn alles gleich einen
Zweck zu haben?" lachte das Christkind. "Pass auf, das wird noch
schöner. Nun gib mal Nüsse her!"
Der Alte krabbelte aus seiner
Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen.
Das steckte in jedes ein Hölzchen,
machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuss an der goldenen
Oberseite seiner Flügel, dann war die Nuss golden, und die
nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, dann hatte es
eine silberne Nuss und hängte sie zwischen die Äpfel.
"Was sagst nun, Alterchen?" fragte
es dann. "Ist das nicht allerliebst?"
"Ja", sagte der, "aber ich weiß
immer noch nicht..."
"Komm schon!" lachte das
Christkindchen. "Hast du Lichter?"
"Lichter nicht", meinte der
Weihnachtsmann, "aber 'nen Wachsstock!"
"Das ist fein", sagte das
Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst
ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen
Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann;
"Feuerzeug hast du doch?"
"Gewiss", sagte der Alte, holte
Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pickte Feuer aus dem Stein,
ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und
steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem
Christkindchen. Das nahm einen Hellbrennenden Schwefelspan und
steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon
rechts, dann das gegenüberliegende.
Und rund um das Bäumchen gehend,
brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.
Da stand nun das Bäumchen im
Schnee; aus seinem Halbverschneiten, dunklen Gezweig sahen die
roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und
funkelten, und die gelben Wachskerzen brannten feierlich.
Das Christkindchen lachte über das
ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte
Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine
Spitz sprang hin und her und bellte.
Als die Lichter ein wenig
heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen
goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte
dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen.
Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das
bunte Bäumchen mit.
Als sie in den Ort kamen, schlief
schon alles.
Beim kleinsten Hause machten die
beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und
trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand
ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte. Den
stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein.
Der Weihnachtsmann legte dann noch
allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter
den Baum, und dann verließen beide das Haus so leise, wie sie es
betreten hatten. Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am
andern Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er
und wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
Als er aber an dem Türpfosten, den
des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer
hängen sah, da wusste er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem
Bäumchen an und weckte Frau und Kinder. Das war eine Freude in
dem kleinen Haus wie an keinem Weihnachtstag.
Keines von den Kindern sah nach
dem Spielzeug, nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur
alle nach dem Lichterbaum. Sie fassten sich an den Händen,
tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie
wussten, und selbst das Kleinste, das noch auf dem Arm getragen
wurde, krähte, was es krähen konnte.
Als es helllichter Tag geworden
war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen
sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in
den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu
holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder
holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der
andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie alle daran.
Als es dann Abend wurde, brannte
im ganzen Dorf Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte
man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder.
Von da aus ist der Weihnachtsbaum
über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde.
Weil aber der erste Weihnachtsbaum
am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern
morgens beschert.
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Immer am zweiten Sonntag im Advent
stieg der Vater auf den Dachboden und brachte die große
Schachtel mit dem Krippenzeug herunter. Ein paar Abende lang
wurde dann fleißig geleimt und gemalt, etliche Schäfchen waren
ja lahm geworden, und der Esel musste einen neuen Schwanz
bekommen, weil er ihn in jedem Sommer abwarf wie ein Hirsch sein
Geweih. Aber endlich stand der Berg wieder wie neu auf der
Fensterbank, mit glänzendem Flitter angeschneit, die mächtige
Burg mit der Fahne auf den Zinnen und darunter der Stall. Das
war eine recht gemütliche Behausung, eine Stube eigentlich,
sogar der Herrgottswinkel fehlte nicht und ein winziges ewiges
Licht unter dem Kreuz. Unsere Liebe Frau kniete im seidenen
Mantel vor der Krippe, und auf der Strohschütte lag das rosige
Himmelskind, leider auch nicht mehr ganz heil, seit ich versucht
hatte, ihm mit der Brennschere neue Locken zu drehen. Hinten
standen Ochs und Esel und bestaunten das Wunder. Der Ochs bekam
sogar ein Büschel Heu ins Maul gesteckt, aber er fraß es ja nie.
Und so ist es mit allen Ochsen, sie schauen nur und schauen und
begreifen rein gar nichts.
Weil der Vater selber Zimmermann
war, hielt er viel darauf, dass auch sein Patron, der heilige
Joseph, nicht nur so herumlehnte, er dachte sich in jedem Jahr
ein anderes Geschäft für ihn aus. Joseph musste Holz hacken oder
die Suppe kochen oder mit der Laterne die Hirten einweisen, die
von überallher gelaufen kamen und Käse mitbrachten oder Brot
oder was sonst arme Leute zu schenken haben.
Es hauste freilich ein recht
ungleiches Volk in unserer Krippe, ein Jäger, der zwei Wilddiebe
am Strick hinter sich herzog, aber auch etliche Zinnsoldaten und
der Fürst Bismarck und überhaupt alle Bestraften aus der
Spielzeugkiste.
Ganz zuletzt kam der Augenblick,
auf den ich schon tagelang lauerte. Der Vater klemmte plötzlich
meine Schwester zwischen die Knie, und ich durfte ihr das
längste Haar aus dem Zopf ziehen, ein ganzes Büschel mitunter,
damit man genügend Auswahl hatte, wenn dann ein golden
gefiederter Engel daran geknüpft und über der Krippe aufgehängt
wurde, damit er sich unmerklich drehte und wachsam umherblickte.
Das Gloria sangen wir selber dazu.
Es klang vielleicht ein bisschen grob in unserer breiten
Mundart, aber Gott schaut seinen Kindern ja ins Herz und nicht
in den Kopf oder aufs Maul. Und es ist auch gar nicht so, dass
er etwa nur Latein verstünde.
Mitunter stimmten wir auch noch
das Lieblingslied der Mutter an, das vom Tannenbaum. Sie
beklagte es ja oft, dass wir so gar keine musikalische Familie
waren. Nur sie selber konnte gut singen, hinreißend schön für
meine Begriffe, sie war ja auch in ihrer Jugend Kellnerin
gewesen. Wir freilich kamen nie über eine Strophe hinaus. Schon
bei den ersten Tönen fing die Schwester aus übergroßer
Ergriffenheit zu schluchzen an. Der Vater hielt ein paar Takte
länger aus, bis er endlich merkte, dass seine Weise in ein ganz
anderes Lied gehörte, etwa in das von dem Kanonier auf der
Wacht. Ich selber aber konnte in meinem verbohrten Grübeln,
wieso denn ein Tannenbaum zur Winterzeit grüne Blätter hatte,
die zweite Stimme nicht halten. Daraufhin brachte die Mutter
auch mich mit einem Kopfstück zum Schweigen und sang das Lied
als Solo zu Ende, wie sie es gleich hätte tun sollen. Advent,
sagt man, sei die stillste Zeit im Jahr. Aber in meinem
Bubenalter war es keineswegs die stillste Zeit. In diesen Wochen
lief die Mutter mit hochroten Wangen herum, wie mit Sprengpulver
geladen, und die Luft in der Küche war sozusagen geschwängert
mit Ohrfeigen. Dabei roch die Mutter so unbeschreiblich gut,
überhaupt ist ja der Advent die Zeit der köstlichen Gerüche. Es
duftet nach Wachslichtern, nach angesengtem Reisig, nach
Weihrauch und Bratäpfeln. Ich sage ja nichts gegen Lavendel und
Rosenwasser, aber Vanille riecht doch eigentlich viel besser,
oder Zimt und Mandeln.
Mich ereilten dann die qualvollen
Stunden des Teigrührens. Vier Vaterunser das Fett, drei die
Eier, ein ganzer Rosenkranz für Zucker und Mehl. Die Mutter
hatte die Gewohnheit, alles Zeitliche in ihrer Kochkunst nach
Vaterunsern zu bemessen, aber die mussten laut und sorgfältig
gebetet werden, damit ich keine Gelegenheit fände, den Finger in
den köstlichen Teig zu tauchen. Wenn ich nur erst den
Bubenstrümpfen entwachsen wäre, schwor ich mir damals, dann
wollte ich eine ganze Schüssel voll Kuchenteig aufessen, und die
Köchin sollte beim geheizten Ofen stehen und mir dabei zuschauen
müssen! Aber leider, das ist einer von den Knabenträumen
geblieben, die sich nie erfüllt haben.
Am Abend nach dem Essen wurde der
Schmuck für den Christbaum erzeugt. Auch das war ein
unheilschwangeres Geschäft. Damals konnte man noch ein Buch
echten Blattgoldes für ein paar Kreuzer beim Krämer kaufen. Aber
nun galt es, Nüsse in Leimwasser zu tauchen und ein hauchdünnes
Goldhäutchen herumzublasen. Das Schwierige bei der Sache war,
dass man vorher nirgendwo Luft von sich geben durfte. Wir saßen
alle in der Runde und liefen braunrot an vor Atemnot, und dann
geschah es eben doch, dass jemand plötzlich niesen musste. Im
gleichen Augenblick segelte eine Wolke von glänzenden
Schmetterlingen durch die Stube. Einerlei, wer den Zauber
verschuldet hatte, das Kopfstück bekam jedenfalls ich, obwohl es
nur bewirkte, dass sich der goldene Unsegen von neuem in die
Lüfte hob. Ich wurde dann in die Schlafkammer verbannt und
musste Silberpapier um Lebkuchen wickeln, um ungezählte
Lebkuchen.
Kurz vor dem Fest, sinnigerweise
am Tag des ungläubigen Thomas, musste der Wunschzettel für das
Christkind geschrieben werden, ohne Kleckse und Fehler, versteht
sich, und mit Farben sauber ausgemalt. Zuoberst verzeichnete ich
anstandshalber, was ja ohnehin von selber eintraf, die
Pudelhaube oder jene Art von Wollstrümpfen, die so entsetzlich
bissen, als ob sie mit Ameisen gefüllt wären. Darunter aber
schrieb ich Jahr für Jahr mit hoffnungsloser Geduld den kühnsten
meiner Träume, den Anker-Steinbaukasten, ein Wunderwerk nach
allem, was ich davon gehört hatte. Ich glaube ja heute noch,
dass sogar die Architekten der Jahrhundertwende ihre Eingebungen
von dorther bezogen haben.
Aber ich selber bekam ihn ja nie,
wahrscheinlich wegen der ungemein sorgfältigen Buchhaltung im
Himmel, die alles genau verzeichnete, gestohlene Zuckerstücke
und zerbrochene Fensterscheiben und ähnliche Missetaten, die
sich durch ein paar Tage auffälliger Frömmigkeit vor Weihnachten
auch nicht mehr abgelten ließen.
Wenn mein Wunschzettel endlich
fertig vor dem Fenster lag, musste ich aus brüderlicher Liebe
auch noch den für meine Schwester schreiben. Ungemein
zungenfertig plapperte sie von einer Schlafpuppe, einem
Kramladen, lauter albernes Zeug. Da und dort schrieb ich wohl
ein heimliches "Muss nicht sein" dazu, aber vergeblich. Am
Heiligen Abend konnte sie doch eine Menge von Früchten ihrer
Unverschämtheit ernten.
Der Vater, als Haupt und Ernährer
unserer Familie, brauchte natürlich keinen Wunschzettel zu
liefern. Für ihn dachte sich die Mutter in jedem Jahr etwas
Besonderes aus. Ich erinnere mich noch an ein Sitzkissen, das
sie ihm einmal bescherte, ein Wunderwerk aus bemaltem Samt, mit
einer Goldschnur eingefasst. Er bestaunte es auch sehr und lobte
es überschwänglich, aber eine Weile später schob er es doch
heimlich wieder zur Seite. Offenbar wagte es nicht einmal er,
auf einem röhrenden Hirschen zu sitzen, mitten im Hochgebirge.
Für uns Kinder war es hergebracht,
dass wir nichts schenken durften, was wir nicht selber gemacht
hatten. Meine Schwester konnte sich leicht helfen, sie war ja
immerhin ein Frauenzimmer und verstand sich auf die Strickerei
oder sonst eine von diesen Hexenhaften Weiberkünsten, die mir
zeitlebens unheimlich gewesen sind. Einmal nun dachte auch ich
etwas Besonderes zu tun. Ich wollte den Nähsessel der Mutter mit
Kufen versehen und einen Schaukelstuhl daraus machen, damit sie
ein wenig Kurzweil hätte, wenn sie am Fenster sitzen und meine
Hosen flicken musste. Heimlich sägte ich also und hobelte in der
Holzhütte, und es geriet mir auch alles vortrefflich. Auch der
Vater lobte die Arbeit und meinte, es sei eine großartige Sache,
wenn es uns nur auch gelänge, die Mutter in diesen Stuhl
hineinzulocken.
Aber aufgeräumt, wie sie am
Heiligen Abend war, tat sie mir wirklich den Gefallen. Ich
wiegte sie, sanft zuerst und allmählich ein bisschen schneller,
und es gefiel ihr ausnehmend wohl. Niemand merkte jedenfalls,
dass die Mutter immer stiller und blasser wurde, bis sie
plötzlich ihre Schürze an den Mund presste - es war durchaus
kein Gelächter, was sie damit ersticken musste. Lieber, sagte
sie hinterher, weit lieber wollte sie auf einem wilden Kamel
durch die Wüste Sahara reiten, als noch einmal in diesem Stuhl
sitzen! Und tatsächlich, noch auf dem Weg zur Mette hatte sie
einen glasigen Blick, etwas seltsam Wiegendes in ihrem Schritt.
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Für mich begann in der Kindheit
der Advent damit, dass mich die Mutter eines Morgens weit früher
als sonst aus dem Bett holte. Der Mesner läutete immer schon die
Viertelglocke, wenn ich endlich halb im Traum zur Kirche
stolperte. Nirgends ein Licht in der bitterkalten Finsternis,
und oft musste ich mich mit Händen und Füßen durch den tiefen
Schnee wühlen, es war ja noch kein Mensch vor mir unterwegs
gewesen.
In der Sakristei kniete der Mesner
vor dem Ofen und blies in die Glut, damit wenigstens das
Weihwasser im Kessel auftaute. Aber mir blieb ja keine Zeit, die
Finger zu wärmen, der Pfarrer wartete schon, dass ich in meine
Albe schlöffe und ihm mit der Schelle voranginge.
Bitterkalt war es auch in der
Kirche. Die Kerzenflammen am Altar standen reglos wie gefroren,
und nur wenn sich die Tür öffnete und Wind und Schnee
hereinfuhren, zuckten die Lichter erschreckt zusammen. Die
Kirchleute drückten das Tor eilig wieder zu, sie rumpelten
schwerfällig in die Bänke, und dann klebten sie ihre
Adventskerze vor sich auf das Pult und falteten die Hände um das
wärmende Licht. Indessen schleppte ich das Messbuch hin und her
und läutete zur passenden Zeit, und wenn ich einmal länger zu
knien hatte, schlief ich wohl wieder ein. Dann räusperte der
Pfarrer vernehmlich, um mich aufzuwecken. Ihn allein focht kein
Ungemach an. "Rorate coeli", betete er laut und inbrünstig,
"tauet Himmel, den Gerechten". Und dann war alles wieder
herzbewegend schön und feierlich, der dämmrige Glanz im
Kirchenschiff, der weiße Atemdampf vor den Mündern der Leute,
wenn sie dem Pfarrer antworteten, und er selbst, unbeirrbar in
der Würde des guten Hirten.
Nachher standen wir zu dritt
hinterm Ofen in der Sakristei. Der Mesner schüttelte die eiserne
Pfanne und hob den Deckel ab und speiste uns mit gebratenen
Kastanien. Ich hüpfte von einem Fuß auf den andern, und auch der
Pfarrer rollte die heißen Kugeln eine Weile im Mund hin und her.
Es war vielleicht keine Sünde, wenn ich nebenbei flink
vorausrechnete, wie lange es wohl noch dauerte, bis er mir zur
Weihnacht meinen Lohn in die Hand drücken würde, einen ganzen
Gulden.
-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-
Nehmt eure Stühle und eure
Teegläser mit hier hinter an den Ofen und vergesst den Rum
nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte
erzählt.
Manche Leute, vor allem eine
gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben
eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein
Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester
Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war
Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort,
als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der
härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme
Stadt zustande bringen könnte. Als ich fragte, wie es mit den
Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir,
Kesselschmiede hätten keine Chancen, und als ich eine halbwegs
mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und
das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen
Berufen.
Und der Wind wehte scheußlich vom
Michigansee herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende
des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer
Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von
Arbeitslosen auf die kalten Straßen.
Wir trabten die ganzen Tage durch
sämtliche Stadtviertel und suchten verzweifelt nach etwas Arbeit
und waren froh, wenn wir am Abend in einem winzigen, mit
erschöpften Leuten angefüllten Lokal im Schlachthof Viertel
unterkommen konnten. Dort hatten wir es wenigstens warm und
konnten ruhig sitzen. Und wir saßen, solange es irgend ging mit
einem Glas Whisky, und wir sparten alles den Tag über auf für
dieses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kameraden
mit einbegriffen waren, all das, was es an Hoffnung für uns noch
gab.
Dort saßen wir auch am
Weihnachtsabend dieses Jahres, und das Lokal war noch
überfüllter als gewöhnlich und der Whisky noch wässriger und das
Publikum noch verzweifelter. Es ist einleuchtend, dass weder das
Publikum noch der Wirt in Feststimmung geraten, wenn das ganze
Problem der Gäste darin besteht, mit einem Glas eine ganze Nacht
auszureichen, und das ganze Problem des Wirtes, diejenigen
hinauszubringen, die leere Gläser vor sich stehen hatten.
Aber gegen zehn Uhr kamen zwei,
drei Burschen herein, die, der Teufel mochte wissen woher, ein
paar Dollars in der Tasche hatten, und die luden, weil es doch
eben Weihnachten war und Sentimentalität in der Luft lag, das
ganze Publikum ein, ein paar Extragläser zu leeren. Fünf Minuten
darauf war das ganze Lokal nicht wieder zu erkennen. Alle holten
sich frischen Whisky (und passten nun ungeheuer genau darauf
auf, dass ganz korrekt eingeschenkt wurde), die Tische wurden
zusammengerückt, und ein verfroren aussehendes Mädchen wurde
gebeten, einen Cakewalk zu tanzen, wobei sämtliche
Festteilnehmer mit den Händen den Takt klatschten. Aber was soll
ich sagen, der Teufel mochte seine schwarze Hand im Spiel haben,
es kam keine rechte Stimmung auf.
Ja, geradezu von Anfang an nahm
die Veranstaltung einen direkt bösartigen Charakter an. Ich
denke, es war der Zwang, sich beschenken lassen zu müssen, der
alle so aufreizte. Die Spender dieser Weihnachtsstimmung wurden
nicht mit freundlichen Augen betrachtet. Schon nach den ersten
Gläsern des gestifteten Whiskys wurde der Plan gefasst, eine
regelrechte Weihnachtsbescherung, sozusagen ein Unternehmen
größeren Stils, vorzunehmen.
Da ein Überfluss an
Geschenkartikeln nicht vorhanden war, wollte man sich weniger an
direkt wertvolle und mehr an solche Geschenke halten, die für
die zu Beschenkenden passend waren und vielleicht sogar einen
tieferen Sinn hatten.
So schenkten wir dem Wirt einen
Kübel mit schmutzigem Schneewasser von draußen, wo es davon
gerade genug gab, damit er mit seinem alten Whisky noch ins neue
Jahr hinein ausreichte. Dem Kellner schenkten wir eine alte,
erbrochene Konservenbüchse, damit er wenigstens ein anständiges
Servicestück hätte, und einem zum Lokal gehörigen Mädchen ein
schartiges Taschenmesser, damit sie wenigstens die Schicht Puder
vom vergangenen Jahr abkratzen könnte.
Alle diese Geschenke wurden von
den Anwesenden, vielleicht nur die Beschenkten ausgenommen, mit
herausforderndem Beifall bedacht. Und dann kam der Hauptspaß.
Es war nämlich unter uns ein Mann,
der musste einen schwachen Punkt haben. Er saß jeden Abend da,
und Leute, die sich auf dergleichen verstanden, glaubten mit
Sicherheit behaupten zu können, dass er, so gleichgültig er sich
auch geben mochte, eine gewisse, unüberwindliche Scheu vor
allem, was mit der Polizei zusammenhing haben musste. Aber jeder
Mensch konnte sehen, dass er in keiner guten Haut steckte.
Für diesen Mann dachten wir uns
etwas ganz Besonderes aus. Aus einem alten Adressbuch rissen wir
mit Erlaubnis des Wirtes drei Seiten aus, auf denen lauter
Polizeiwachen standen, schlugen sie sorgfältig in eine Zeitung
und überreichten das Paket unserm Mann.
Es trat eine große Stille ein, als
wir es überreichten. Der Mann nahm das Paket zögernd in die Hand
und sah uns mit einem etwas kalkigen Lächeln von unten herauf
an. Ich merkte, wie er mit den Fingern das Paket anfühlte, um
schon vor dem Öffnen festzustellen, was darin sein könnte. Aber
dann machte er es rasch auf.
Und nun geschah etwas sehr
Merkwürdiges. Der Mann nestelte eben an der Schnur, mit der das
"Geschenk" verschnürt war, als sein Blick, scheinbar abwesend,
auf das Zeitungsblatt fiel, in das die interessanten
Adressbuchblätter geschlagen waren. Aber da war sein Blick schon
nicht mehr abwesend. Sein ganzer dünner Körper (er war sehr
lang) krümmte sich sozusagen um das Zeitungsblatt zusammen, er
bückte sein Gesicht tief darauf herunter und las. Niemals, weder
vor- noch nachher, habe ich je einen Menschen so lesen sehen. Er
verschlang das, was er las, einfach. Und dann schaute er auf.
Und wieder habe ich niemals, weder vor- noch nachher, einen so
strahlend schauen sehen wie diesen Mann.
"Da lese ich eben in der Zeitung",
sagte er mit einer verrosteten, mühsam ruhigen Stimme, die in
lächerlichem Gegensatz zu seinem strahlenden Gesicht stand,
"dass die ganze Sache einfach schon lang aufgeklärt ist.
Jedermann in Ohio weiß, dass ich mit der ganzen Sache nicht das
geringste zu tun hatte." Und dann lachte er.
Und wir alle, die erstaunt
dabeistanden und etwas ganz anderes erwartet hatten und fast nur
begriffen, dass der Mann unter irgendeiner Beschuldigung
gestanden und inzwischen, wie er eben aus diesem Zeitungsblatt
erfahren hatte, rehabilitiert worden war, fingen plötzlich an,
aus vollem Halse und fast aus dem Herzen mitzulachen, und
dadurch kam ein großer Schwung in unsere Veranstaltung, die
gewisse Bitterkeit war überhaupt vergessen, und es wurde ein
ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte und alle
befriedigte.
Und bei dieser allgemeinen
Befriedigung spielte es natürlich gar keine Rolle mehr, dass
dieses Zeitungsblatt nicht wir ausgesucht hatten, sondern Gott.
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